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15. November 2018

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Transmediale Kunst als Zukunft der Demonstration

Transmediale Kunst als Zukunft der Demonstration© piqs.de/david shankbone

Gemeinsame Imagination und Aktion statt getrennter Darstellung von Kunst und Diskurs in Ausstellungen. Die Medienkünstler Sylvia Eckermann und Gerald Nestler definieren mit Partnern ein transmediales Kunstformat, wo bildende Digitalkunst, Skulptur, Video, Sound, Performance, Aktionismus sowie Text und Gespräch als choreografische Inszenierungen ineinander fließen.

(Christian Czaak) The Future of Demonstration nimmt Anleihe beim Format populärer Fernsehserien mit ihren Seasons und Episodes. Jede Season betrachtet ihr Leitmotiv wie durch ein Prisma, spaltet es in Episoden auf und verbindet diese wieder in vielfältigen Beziehungen. Jede Episode stellt sodann eine Plattform dar, auf der sich Kompetenzen aus Kunst, Architektur, Film, Theorie, Wissenschaft und Aktion performativ verschränken. Jede Episode ist daher entsprechend performativer Raum, installatives Setting, künstlerisches Environment, Diskursraum und Filmset.
Das von Sylvia Eckermann und Gerald Nestler konzipierte Kunstformat „The Future of Demonstration“ ist eine über 2017 und 2018 laufende Kunstserie und beinhaltet in Summe acht Episoden zu den zwei Leitmotiven „Vermögen“ (im Vorjahr) und „Passion“ nun heuer. Die Episoden stehen für je zwei Tage im Zentrum des Geschehens, sind aber während der gesamten Dauer präsent. So verbinden sie sich zu einem Setting, das unterschiedliche Perspektiven öffnet.

Von Wien nach München und Sao Paulo
2017 wurde „Vermögen“ mit den fünf Episoden „Ground Truth & Forensic Architecture“, Alien Introspection“, „Narutica“, „Liveration.Prometheus Delivered“ und „Proof-Of-Burn“ im Wiener Reaktor abgehandelt, die gleichnamige Lichtshow von Sylvia Eckermann lief am Uniqa-Tower. Heuer gastierte der Kunstact mit dem Leitthema „Passion“ von 20. bis 25. Oktober im Wiener Atelier Augarten und die parallel von Sil Eckermann gestaltete Lichtshow „Escalator“ passierte wieder am Wiener Uniqa-Tower. Die Themen der diesjährigen drei Episoden waren „Supra-Citizenship“, „Was tun?“ und „Making the Black Box Speak“.
Nach Wien wandert The Future of Demonstration mit den Episoden „Proof-Of-Burn“ aus 2017 sowie „Supra Citizenship“ und „Making the Black Box Speak“ aus 2018 nach München (2. bis 4. November als Kooperation von Art in Move mit dem Mufftawerk) und danach wird mit Technolpolitics Research Group in Sao Paulo (BRA) das Projekt „Tracing Information Society – a Timeline“ gezeigt (7. bis 9. November).

Der neue Informationskapitalismus
Ausgangsbasis für das Leitthema „Vermögen“ im Vorjahr war das Spannungsfeld zwischen einer Fülle an Problemen und Herausforderungen des Planeten Erde und gleichzeitig vorhandenem Wissen und Ressourcen diese zu meistern. Der künstlerische Ansatz passiert auf der Mehrdeutigkeit des Begriffs „Vermögen“ mit Besitz und Verwertung von Daten als neue Grundlage dafür und Algorithmen und Automatisierung, die tief in gesellschaftliche Prozesse eindringen. Die neue Wirklichkeit beruht auf quantitativen Modellen, die entsprechend Realitäten simulieren und vorausberechnen, so die Ausstellungsmacher im begleitenden Programmtext.
„In diesem neuen Informationskapitalismus verschieben sich die Handlungsräume und selbst kritisches Denken und Hinterfragung wird für Wettbewerbsvorteile politischer und wirtschaftlicher Akteure instrumentalisiert“, so Eckermann und Nestler. The Future of Demonstration stellt nun diese Entwicklungen in Frage und kreiert und teilt neue Bilder, Geschichten und Techniken, die als Gegenentwurf zu den künstlich automatisierten Wirklichkeitssimulationen dienen können.
Über die Interaktion von Kunst, Technologie und Gesellschaft schaffen Eckermann und Nestler ein neues Format einer künstlerischen Demonstration, wo Technologie für das „präsentieren und weiterentwickeln“ steht, die Pädagogik für „deutlich machen“ und Gesellschaft „für etwas eintreten“.

Fiktionen einer völlig anderen Wirklichkeit
Künstler, Aktivisten, Architekten, Filmemacher, Theoretiker und Wissenschaftler untersuchen dabei forensisch Quellen und Konsequenzen von Gewalt, spüren ideologische Sollbruchstellen auf und auf Basis einer extremen künstlerischen Imagination als Destillat neuester technologischer und wissenschaftlicher Entdeckungen entwerfen sie Fiktionen einer völlig anderen Wirklichkeit.
Im Ergebnis schaffen sie eine neue Währung und neues Vermögenspotential. Vermögen ist dabei aber nicht nur das Leitmotiv, es ist auch die bestimmende, emphatische Energie dieses kollektiven Experiments. „Mitwirkende und Publikum sollen gemeinsam spannungsvolle und unterhaltsame Demonstrationen feiern und dabei ausloten, was wir miteinander tun und erreichen können“, so Eckermann und Nestler.

Von Kant und Bourdieu zu Eckermann und Nestler
„Nach der Beschäftigung mit den „Vermögen“ für eine neue Kultur und Kunst interessierte uns heuer die Frage, was Leidenschaft in einem (bio-)technologischen Zeitalter vollbringen kann, das durch eine zukunftsorientierte und affektgesteuerte Ökonomie der Beziehungen geprägt wird“, so die künstlerischen Leiter. Basis war auch eine These von Immanuel Kant nach der „jedes Vermögen auf Erkenntnisvermögen, Begehrungsvermögen und dem Gefühl der Lust und Unlust basiert.“ „Von daher verstehen wir „Passion“ als ein emphatisches Vermögen, das sich selbst gebiert und reproduziert“, so eine Textpassage im Programmheft.

Und weiter: „Wenn laut Pierre Bourdieu „Vermögen verinnerlichte Kultur“ ist, stellt sich die Frage, wie wir „kulturelles Kapital“ zu kulturellen Vermögen verwandeln. Hier spielt der Begriff der Passion eine zentrale Rolle: als Verlangen nach Selbstverwirklichung, durch die sich das Selbst verwandelt; aber auch als Kraft, die uns in der Lage versetzt, die Ichbezogenheit zu überwinden, die den Kern kapitalistischer Wertschätzung bildet“, so die Erläuterung der Zusammenhänge zwischen den beiden Leitthemen der Kunstserie.

Noise is the Master of Information
Die Beschäftigung mit dieser konkreten Utopie kann aber nur auf Basis einer Auseinandersetzung mit dem Status Quo erfolgen. Denn es geht ein Riss durch die Informationsmatrix. Wissen und Wahrnehmung insgesamt werden als Wettbewerbsvorteil ausgebeutet. Informationsasymetrie als ein Begriff, der auf Spaltung, Diskriminierung und Täuschung hinausläuft, bestimmt zunehmend politische und ökonomische Netzwerke und Interessen: noise is the master of information, so ein weiterer Auszug aus dem Programmtext.
The Future of Demonstration setzt sich daher auch mit Gewaltformen in einer hyperkompetitiven Gesellschaft auseinander, thematisiert Unvermögen als Resultat manipulativer Medialität. Das heurige Leitthema „Passion“ verweist auf die Aushöhlung und Verweigerung demokratischer Rechte, die Volatilität prekärer Lebensbedingungen und die Zerstörung freier Handlungspotentiale.
Fragen werden erörtert wie: Wie stellt sich Zwischenmenschlichkeit dar, die Zwischendinglichkeit mitdenkt, mitfühlt und mitagieren lässt? Welche Methoden können für eine künstlerische, philosophische, soziale und technologische Annäherung von humanen und non-humanen Wesen entwickelt und demonstriert werden? Und wie können sie gemeinsam als Mediatoren, Moderatoren und Produzenten zu Gemeinschaften beitragen, anstatt antiquierten Machtphantasien in Politik und Ökonomie zu dienen?

Die Episoden „Supra Citizenship“ und „Was tun?“
„Passion“ als diesjähriges Leitthema von The Future of Demonstration beinhaltete die Episoden „Supra Citizenship“ sowie „Was tun?“ und „Making the Black Box Speak“ (siehe dazu gesonderten Bericht)
„Supra Citizenship“ behandelt das Thema Staatsbürgerschaft (citizenship) als Vertrag zwischen dem Bürger als Subjekt und dem Nationalstaat der zunehmend nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Globale Migrationsströme sowie globale digitale Plattformen, die über ihre Nutzer herrschen und zunehmend souverän agieren, während Nationalstaaten nun auch zu Plattformen transferieren, die ihre Staatsbürger als Kunden behandeln und ihnen Dienstleistungen anbieten, sind die Ursachen dafür.
„Staatsbürgerschaft wird einerseits finanzialisiert, um Kapital und Investitionen anzulocken und gleichzeitig unterminieren Steuererleichterungen, Offshoring und E-Residencies für Unternehmen die Kategorie des steuerlichen Wohnsitzes. Andererseits fragmentiert der Begriff in unterschiedliche Formen digitaler Zugehörigkeit und Mitwirkung, wie etwa in Online-Communities“, erläutern Eckermann und Nestler. „In Blickrichtung dieses Wandels erscheint es uns als essentiell, loszulassen, was in dieser Realität nicht mehr seinen Zweck erfüllt – ohne dabei alles über Bord zu werfen.“
Supra Citizenship integriert nun Wissen und Erfahrungswerte etablierter Organisationsformen mit den Ressourcen und Möglichkeiten technologischer Plattformen und einem für das 21. Jahrhundert aktualisierten Verständnis der Menschenrechte – als eine vernetzte Vision von Bürgerschaft mit dem gesicherten Recht des Individuums sich in einer gemeinsamen Welt einzurichten. Zielsetzung ist eine vernetzte Vision von Bürgerschaft zu mobilisieren, die das Recht jedes Menschen sichern soll, sich in einer gemeinsamen Welt einzurichten.

„Was tun?“
Die Episode „Was tun?“ behandelt wiederum Maschinencodes, welche die Grenzen von Körpern unterwandern und die Horizonte des Bewusstseins gestalten. „Algorithmische Regeln automatisieren einstmals bewusste Entscheidungen und kolonisieren die menschliche Vorstellungskraft. Während die tiefe Erosion existentieller Gewissheiten vermeintliche und reale Bedrohungen freisetzt, verbreiten sich reaktionäre Regime in einem grundlegenden Wandel realer und virtueller Territorien“, so der Textabschnitt in der Erläuterung zur Veranstaltung.
„Was tun?“ untersucht nun die Logik dieser automatisierten künstlichen Systeme und fragt, wie sich der okkulte Schutz von Kontrollsystemen umgehen lässt, die pfadgeleitetes Denken, persönliches Verhalten und soziale Interaktion gestalten – oder: was geschieht jenen, die den Weg des geringsten Widerstands verweigern, um den dunklen Beschwörungen der Wahrnehmung in endlosen Nervensystemen nachzuspüren?
Im nächsten Schritt werden nun informationelle Strukturen und ihre Regeln hinsichtlich der Auswirkungen auf menschliche Handlungsmöglichkeiten in sozialen, politischen und ökonomischen Wechselbeziehungen analysiert und in kollektiven Praktiken kultureller Informationsverarbeitung werden schließlich operative
Räume und umsetzbare Modelle von „Was tun?“ untersucht.

Die dritte Episode und das Team der Mitwirkenden
Die dritte Episode „Making the Black Box Speak“ erforscht sodann neue Vermögen von Widerstand und Solidarität in einer vom Akzidentiellen geprägten Zeit und erörtert primär das Thema Technokapitalismus und die daraus entstehende Krise der repräsentativen Demokratie. Siehe dazu den nebenstehenden Bericht „Making the Black Box Speak.“
Mitwirkende bei „Supra Citizenship“ waren Domingo Castillo, Femke Herregraven, Victoria Ivanova, Aslak Aamot Kjaerulff, Bogna Konior, Jonas Lund, Jamilah Sabur, Alex Suarez, Axel Stockburger und Natalia Zuluaga.
Mitwirkende bei „Was tun?“ waren: Cultural Intelligence Collective (CIC), Critical Art Ensemble (CAE) und namentlich Steve Barnes, Konrad Becker, Laurus Edelbacher, Steven Kurtz, Anastasya Voloshina und Ruth Zimmermann. Special Guest Appearance: Ca.tter, DJ Nigga Fox, Domnique Raffa, Stacey Robinson und Alexander Schelle.

Die künstlerische Gesamtleitung
Die künstlerische Gesamtleitung verantworten Sylvia Eckermann, Gerald Nestler und Maximilian Thoman. Zu Sylvia Eckermann siehe nebenstehenden Bericht „Es gibt noch unendlich viel zu tun.“
Gerhard Nestler verbindet künstlerische Mittel mit Theorie und Gesprächsformen um die Erzeugung gesellschaftlicher Realität durch Modelle, Technologien und Fiktionen der Finanzmärkte und anderer algorithmischer Praxen zu untersuchen. Neben seiner internationalen künstlerischen Tätigkeit ist er auch als Autor und Vortragender tätig. Nestler promovierte am Centre for Research Architecture, Goldsmiths, University of London.
Maximilian Thoman ist künstlerischer Leiter des Vereins mkt – Büro für intermedialen Kommunikationstransfer und Vorstandsmitglied des spartenübergreifenden Innsbrucker Kulturvereins p.m.k – Plattform mobile Kulturinitiative. Neben diversen kuratorischen Tätigkeiten zu Ausstellungsprojekten und Vortragsreihen ist er seit Dezember 2015 im editoral board des Online Magazins continent. Thoman studiert Philosophie und lebt in Innsbruck und Wien.

Die Projektpartner und Förderer
The Future of Demonstration kooperiert mit einer Vielzahl Wiener und internationaler Akteure und Institutionen. Die Kunstserie versteht sich dabei als Schnittstelle, um alle diese Partner auf regionaler wie internationaler Ebene in Kontakt zu bringen und Wien im Sinne eines explorativen Kooperationsgedankens als Ort relevanter Kunstproduktion zu etablieren.
Die Kooperations- und Projektpartner sind Burghauptmannschaft Österreich (Atelier Augarten), OKTO TV & Community, Stromschiene (Alte Schmiede Kunstverein Wien) und Universität für Angewandte Kunst (Digitale Klasse) sowie auf internationaler Ebene das Art Center South Florida in Miami (US), Cultural Intelligence Collective (CIC), Tactical Technology Collective (Berlin) und Technopolitics Research Group (Wien).
Medienpartner sind Ö1, springerin (Hefte für Gegenwartskunst) und continent, the Plattform for thinking through media. Unterstützt und gefördert wird das Projekt von der Stadt Wien (MA 7 Kultur und Wissenschaft) und vom Bundeskanzleramt sowie von den Unternehmen UNIQA, Austrian Airlines, Fleming’s Selection Hotel Wien, LDDE Lichttechnik, Café Korb, Weingut Himmelblauer und zepp-cam. (red/czaak)

(Anm. der Redaktion: Einzelne Textpassagen wurden vom Programmheft der Kunstserie „The Future of Demonstration“ übernommen.)

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 02.11.2018