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24. Februar 2018

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„Das ist bei Facebook der problematischte Aspekt überhaupt.“

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(Wien; Video/Text) Publizistik-Staatspreisträger, Kurt-Vorhofer-Preis, Karl Renner-Publizistikpreis, gestartet 1970 beim Trend und seit 1997 Kolumnist beim Standard. Hans Rauscher im Gespräch mit economy über unbekannte Genies, über teure Hirschhornknöpfe und über Hände die füttern und trotzdem gebissen werden.

Economy: Hans Rauscher, auch im internationalen Kontext einer der renommiertesten Journalisten des Landes, Buchautor, Preisträger zahlreicher Auszeichnungen. 1970 Mitbegründer des Trend, Anfang der 1980er-Jahre Chefredakteur beim Kurier, seit 1997 nun Kolumnist beim Standard, 1995 Gründung Online-Standard.
Wie hast Du als erfahrener Print-Journalist die Entwicklung der Online-Medien miterlebt?
Hans Rauscher: Ich war damals ein ganz junger Journalist und wir sind mit dem Ossi Bronner und noch ein paar Anderen in einem Kammerl gesessen.
Die Mentalität in der Publizistik und in der Politik war: ja derfens den des? Das wir zum Beispiel Pressegeschenke abgelehnt haben. Der damalige Chefredakteur Jens Tschebull (Anm. Trend 1970er-Jahre) hat sogar gesagt, wir müssen mit dem lauten: „Nein danke, ich bin vom Trend“, weg gehen von einer Pressekonferenz.

Bleiben wir bei der schwierigen Situation der Medienhäuser.

Ich kenne das Genie nicht, dass die Digitalisierung erkannt hat und daraus Geld gemacht hat. Nach meinem Abgang vom Kurier war ich vor 20 Jahren in den USA und habe mir unter anderen das Wall Street-Journal angeschaut.
Die haben damals schon 50 Dollar verlangt und die boten etwas dafür, nicht nur reine Nachrichten, sondern, passend zur USA und dem Wall-Street-Journal: ich schaue jetzt einmal wie viel ich wert bin, und auf Knopfdruck stellte sich heraus er ist jetzt 500.000 Dollar wert weil sich in Sekundenbruchteilen sein Portfolio gerechnet hat und das konnte man monetarisieren weil es um Geld ging.
Inzwischen hat die New York Times 1,3 Millionen bezahlte Online-Abos. Ok, das scheint auch zu funktionieren. Aber der Rest ist noch im Entwicklungsstadium.

Es gibt Strategien, etwa das deutsche Medienhaus Axel Springer aber auch österreichische Verlagshäuser setzen auf den Verkauf von Reisen, von Büchern, sogar von Kunstwerken. Eine Anhängerschaft, andere sehen mit solchen Strategien die mediale Kernmarke gefährdet.
Die Zeit verkauft diese Reisen und qualitätsvolle Produkte, das geht meiner Meinung nach. Man darf halt nicht so wie seinerzeit die Gebrüder Fellner (Anm. Wolfgang und Helmut Fellner, Gründer von „News“) ein Packerl Extrawurst zum Produkt dazu legen. Das ist es nicht.
Aber man muss alles probieren. Vor ein oder zwei Jahren habe ich vom Magazin „Slade“ gelesen, die haben ein gedrucktes Produkt gegründet um die schönen Anzeigen unterzubringen.
Wenn ich mir auf dem Apple ein Inserat anschaue, dann ist es schön, wenn ich es mir auf einem anderen Kastel anschaue, dann ist ein qualitätsvolles Inserat nicht so toll.
Wer hat Erfolg? Die Magazine Landlust und Servus Stadt-Land haben anscheinend Erfolg weil sie wunderschöne Spezial-Sachen bringen, etwa: Wie schnitze ich einen Hirschhornknopf teuer fotografiert. Ok, not my coup of tea, aber es geht anscheinend.

Vorige Woche wurde der Public-Value-Bericht des VÖZ präsentiert und hier gab es eine interessante Diskussion zwischen Rainer Nowak, Die Presse und Armin Thurnher, Falter über die Rolle der sozialen Medien.
Würdest Du die sozialen Medien als Medien bezeichnen oder, so wie Nowak und Thurnher, eher als Technologieplattform?

Das sind Medien geworden mit denen wir auch konkurrieren, da gibt es leider kein Wegschauen. Und wenn Strache auf seiner Facebook-Seite 450.000 Follower hat, dann hat er die.
Dann ist das kein Medium im klassischen Sinn, aber es hat sehr viel mit Öffentlichkeit zu tun.
Natürlich hat gerade Facebook die Einstellungen verstärkt weil du sozusagen nur erfährst was du ohnehin schon denkst und das ist wahrscheinlich auch der problematischte Aspekt überhaupt.
Ich würde da jetzt keine großartige definitorische Debatte führen und sagen, wir sind ein Medium weil wir erscheinen regelmäßig und wir haben gewisse Kriterien. Schon, aber das Andere ist auch ein Medium der Volksbeeinflussung.

Ist es ein Partnermedium? Die Frage in dem Kontext, als Thurnher Anhänger des abgeschlossenen Raumes ist, und Nowak wiederum zusätzliche Kanäle sieht für die klassische Zeitung.
Das würde ich so sehen wie Nowak. Ich selbst habe zwar einen Twitter und einen Facebook-Account aber ich habe noch nie was drauf geschrieben weil ich einfach keine Zeit habe.
Aber: ich nutze Twitter und teilweise auch Facebook von Anderen weil es ein Verlinkungsmedium ist und weil viele Informationen zum Teil auch dort zu finden sind.
Umgekehrt schicken wir (Anm. Der Standard) unsere Sachen über Twitter und Facebook hinaus und erhöhen damit unsere Reichweite, das ist durchaus etwas was man nutzen soll und muss.
Der Standard ist eine linksliberale Zeitung und hat eine Reichweite von rund 400.000 Leser und Online hat der Standard mehr als 2 Millionen unterschiedliche Besucher (Anm. laut ÖWA aktuell rund 4,5 Millionen Clients) und ein Großteil davon gehört ganz sicher nicht zur klassischen Klientel des Standard sondern sie gehen dorthin weil das eine sehr gute Website ist und Diskussion zulässt.
Wir haben entsprechend über Online einen Einfluss oder Anspruch weit über die klassische Kernklientel des Standard hinaus und das ist ein Riesenglück und etwas, was etliche der Printkollegen nicht sehen oder sehen wollen. Für die ist das eine böse, feindliche Welt und ich habe halt gesagt nein, das ist eine neue Möglichkeit.

Qualitative Printmedien sind unverzichtbar für die Demokratie. Im Rahmen der vorhin erwähnten VÖZ-Diskussion hat der deutsche Verfassungsrechtler Udo die Fabio das Verhältnis öffentliche Unterstützung ORF versus Printmedien kritisch hinterfragt.
Ich schreib etwa einmal pro Woche einem oder zwei Postern die sagen, „ihr seids ja alle gekauft durch die Presseförderung“ zurück: ich lade sie auf meinen Anteil der Presseförderung auf einen Kaffee ein, das wird sich vielleicht gerade noch ausgehen.
Es wird nie befriedigend sein aber es gehört wieder justiert. Erstens einmal erhöht, weil die Summen in Relation runter gegangen sind und es gehören Qualitätskriterien eingezogen.
Die Alimentierung durch die Öffentlichkeit, nicht durch den Staat, durch die Öffentlichkeit, ist vertretbar. Es wird nur die Zeitungen, die kein Marktmodell haben nicht retten.
Und über die Subventionierung durch Inserate: ich schlag etwa das „Österreich“ auf und Jö, ich wusste gar nicht, dass die ÖBB Schienen hat oder toll, es gibt Parks in Wien. Das ist aber nett von der Gemeinde Wien, dass sie mir das mitteilt.
Das kann sich nur endlich einmal verändern wenn einer draufkommt, dass die Hand die füttert trotzdem gebissen wird. (red/czaak)

(Anm. der Redaktion: Hans Rauscher und economy-Redakteur Christian Czaak kennen einander seit 1997 aus gemeinsamen Standard-Zeiten. Das daher resultierende Du-Wort wurde auch beim Interview beibehalten.)

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 20.12.2016