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15. November 2018

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„Die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit ist gute Bildung.“

„Die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit ist gute Bildung.“© piqs.de/alex

Herausforderungen und Maßnahmen zum Thema Arbeitsmarkt als Schwerpunkte einer Agenda-Austria Veranstaltung mit AMS-Vorstand Johannes Kopf. Die Agenda-Austria übermittelte economy die wichtigsten Passagen und wir veröffentlichen diese im zur Verfügung gestellten Originalwortlaut und unterteilt nach einzelnen Themenblöcken.

(Christian Czaak) Vor wenigen Jahren glänzte Österreich mit einer der niedrigsten Arbeitslosenquoten innerhalb der EU. Aktuell belegt das Land trotz guter Konjunktur nun den zehnten Platz unter 28 EU-Ländern. Ab 2019 nutzt das Arbeits-Markt-Service Österreich (AMS) nun auch Künstliche Intelligenz in Form softwaregestützter Algorithmen zur Vermittlung von Arbeitssuchenden.
Bei der Agenda-Austria Veranstaltung erörtert Johannes Kopf Ursachen und Entwicklung der Arbeitslosenquote, ortet Qualifikation und Region als entscheidende Parameter und erläutert sowohl technologische Innovationen wie auch grundsätzliche fundamentale Probleme.

Standortspezifisches Missverhältnis
„Die Vermittlung von Geringqualifizierten ist die größte Herausforderung und dazu kommen die Langzeitarbeitlosen“, so Kopf. Aktuell gibt es in Österreich rund 141.000 Menschen, die länger als zwölf Monate beschäftigungslos sind und diese Zahl hat sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. Relevant ist dabei auch ein standortspezifisches Missverhältnis, wo Unternehmen lange nach neuen Mitarbeitern mit entsprechenden Qualifikationen suchen und nicht fündig werden.
Einerseits liegen diese offenen Stellen in beschäftigungsstarken Regionen und zum anderen fehlt es Arbeitskräften an den nachgefragten Qualifikationen. „Beides trägt auch dazu bei, dass wir heute viel mehr Arbeitslose haben als noch vor der großen Krise“, so Wolfgang Nagl, Ökonom bei Agenda Austria. Nachfolgend nun die einzelnen Passagen und Themenkreise im Original-Wortlaut von AMS-Vorstand Johannes Kopf:

Fachkräftemangel und fehlende Mobilität
„Wir haben große Unterschiede nach Bundesländern. Vereinfacht gesagt: Während in Wien viele Arbeitssuchende sind, gibt es viele offene Stellen in Westösterreich. (...) Eine Methode, den Fachkräftemangel zu bekämpfen, ist überregional zu vermitteln. Tatsächlich sind die Chancen von Personen, die räumlich flexibler sind, deutlich besser.“
„So wie auch die Chancen von Jugendlichen, die bereit sind, einen anderen Lehrberuf zu lernen, höher sind. (...) Der Fachkräftemangel ist aber nur durch ein Bündel von Maßnahmen bekämpfbar, nicht durch eine singuläre Lösung. Das AMS fördert die Lehrausbildung von rund 30.000 Jugendlichen und Hilfsarbeitern pro Jahr über die überbetriebliche Lehrausbildung, die betriebliche Lehrstellenförderung, die Facharbeiterintensivausbildung und die modulare Facharbeiterausbildung.“

Die Diskriminierung älterer Arbeitskräfte
„Wir diskutieren das Thema Ältere am Arbeitsmarkt seit Jahrzehnten. Wir sprechen immer über jene, die nicht mehr können oder wollen, die krank sind, die von der Firma nicht mehr gebraucht werden. Es gehen aber jeden Tag mehr Menschen in Pension, die noch können, die noch wollen und sogar solche, die der Arbeitgeber noch will. Und die gehen in Pension, weil wir entsprechende Anreize im Pensionssystem setzen.“
„Wir schicken Leute in die Pension, obwohl es ausreichend Arbeit gibt. Und da sollten wir schon nachdenken, wie wir auch im Pensionssrecht Anreize setzen können, damit wir dieses Potenzial an Erfahrung auch nützen. Die Älteren sind nämlich eine interessante Gruppe. (...) Wenn so jemand den Job verliert, entsteht so etwas wie ein Instant Aging effect.“
„Plötzlich ist die Person alt und niemand will sie. Das ist schon ein Thema über die Diskriminierung von Älteren bei der Einstellung über das Personalabteilungen nachdenken müssen. (...) Ältere Arbeitnehmer auszuschließen ist auch für Unternehmen gefährlich. Hier selektieren viele Unternehmer zu streng.“ 

Verfehlungen des österreichischen Bildungssystems
„Je höher die Ausbildung, desto besser sind die Chancen am Arbeitsmarkt. (...) Tatsächlich ist es so, dass wir in unseren überbetrieblichen Ausbildungen sehr viel investieren und Dinge nachholen, die in der Schule nicht passiert sind. Das heißt, wir lehren den Kindern tatsächlich Lesen, Schreiben und Rechnen. Das tun wir nicht unerfolgreich, aber ich sage Ihnen, lieber täten wir das nicht.“
„Soll heißen, wenn das Bildungssystem besser funktionieren würde, hätten wir weniger zu tun. Vor allem sollte im Idealfall aus dem Bildungssystem möglichst kein Jugendlicher mehr herauskommen, der nur die Pflichtschule besucht. Die beste Versicherung gegen Arbeitslosigkeit ist nicht die Arbeitslosenversicherung, sondern eine gute Bildung.“
 
Langzeitarbeitslosigkeit
„Langzeitbeschäftigungslosigkeit ist ein großes Problem. Eigentlich ist das historisch gesehen in Österreich immer ein kleines Problem gewesen. Bei fünf Jahren steigender Arbeitslosigkeit haben wir das leider auch aufgebaut. (...) Ein Drittel unserer Arbeitssuchenden ist langzeitbeschäftigungslos, also länger als ein Jahr ohne Arbeit.“
„Warum ist das problematisch? Weil Firmen jemanden, der lang arbeitslos ist, nicht gerne nehmen. (...) Wir sind in engem Austausch mit mehreren Arbeitsmarktverwaltungen, in der Schweiz und in Deutschland. Eigentlich weiß niemand wirklich, wie man Langzeitarbeitslosigkeit bekämpft.“
„Diese eine Schlüssellösung, um Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämpfen, die hat niemand. Ich bin der festen Überzeugung: Die beste Methode Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämpfen ist, sie nicht entstehen zu lassen. (...) Lange Arbeitslosigkeit hat viele negativen Folgen, der schlechteren Integration, der Armutsgefährdung, der Ausgrenzung.“

Anmerkung der Redaktion: Wir danken der Agenda-Austria für die zur Verfügung gestellten Textpassagen aus der Veranstaltung.

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 30.10.2018