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20. Mai 2019

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Wenn Spekulanten Unternehmenswerte und Anlegervertrauen vernichten

Wenn Spekulanten Unternehmenswerte und Anlegervertrauen vernichten© Piqs.de/Melanie

Die aktuellen Kursentwicklungen bei Wirecard sind Lehrstück für tendenziösen Journalismus gepaart mit fragwürdigen Spekulationsgeschäften. Die deutsche Finanzaufsicht reagiert mit beispielgebendem Verbot spekulativer Leerverkäufe und stärkt Vertrauen der Anleger in für Unternehmen wichtige Finanzierungsform Aktie.

(Ein Kommentar von Christian Czaak). Letzten Herbst wechselte der FinTech Konzern Wirecard vom deutschen TechDax in den Leitindex Dax und verdrängte dabei mit der Commerzbank einen klassischen Finanzdienstleister. Mit einer globalen Wachstumsstrategie entwickelte sich das 1999 im deutschen Aschheim gegründete Unternehmen zu einem bevorzugten Anlagepapier für institutionelle Investoren wie auch für private Kleinanleger. 2015 gab es nach einem haltlosen negativen Medienbericht den ersten Angriff von kurzfristigen Spekulanten, seit Anfang Februar rollt die nächste Welle.

Digitale Bezahlservices und Blockchain-Innovation
Wirecard steht für digitale Bezahlformen primär für Dienstleistungs- und Handelsbetriebe, die über eine technisch standardisierte Schnittstelle verhältnismäßig unkompliziert an bestehende betriebliche Webplattformen oder Onlineshops andockt und aus einer Hand sämtliche aktuell verfügbaren elektronischen Bezahlformen (u.a. Kreditkarten, Paypal oder WeChat) für Endkunden national wie international nutzbar macht.
Seit dem Vorjahr betreibt Wirecard nun auch eine Blockchain-Plattform für die Abbildung kompletter Wertschöpfungsketten (Anm. Supply Chain) zwischen Herstellern, Zulieferbetrieben und Abnehmern. Dabei werden alle Parameter rund um Ware, Produktion, Lieferung und Bezahlung in exakt definierten Prozessketten zwischen ebenso genau definierten Unternehmenspartnern transparent und gesichert umgesetzt und abgerechnet (Anm. Smart Contracts). Wirecard eröffnet sich damit einen neuen Weltmarkt mit Zielgruppen quer durch alle Branchen und Unternehmensgrößen. (siehe auch economy Bericht „Der nächste Weltmarkt wartet.“).

Skalengeschäft als Geschäftsmodell
Das Geschäftsmodell von Wirecard ist primär ein sogenanntes Skalengeschäft, das Unternehmen erhält eine Art Provision von den über die Plattform/en laufenden Umsätzen. Je mehr Unternehmen und Händler angebunden sind, desto mehr Umsätze und desto mehr Provision. Ein weiterer Punkt ist die Risikobewertung von Einkäufern und zusätzliche Dienstleistungen rund um das Thema Bezahlen. Wirecard hat etwa als einer der ersten Dienstleister das Thema Registrierkassen für Handelbetriebe in sogenannte PoS-Lösungen (Anm. Point-of-Sale) integriert.
Das FinTech ist global aufgestellt sowie in zahlreichen Ländern direkt vor Ort tätig und über die laufende Kundengewinnung großer Dienstleistungs- und Handelsbetriebe sowie über regionale Zukäufe verschiedener bereits etablierter anderer Internet-Plattformen kontinuierlich gewachsen. 2010 betrug die Bilanzsumme rund 550 Millionen Euro, im letztverfügbaren 2017-er Jahr 4,528 Milliarden. Die Umsatzerlöse bewegten sich in diesem Zeitraum von rund 272 Millionen auf 1,490 Milliarden, der Gewinn (EBITDA) stieg von rund 67 Millionen (2010) auf rund 413 Millionen Euro 2017.

Die langfristige Kursentwicklung im Vergleich
Schaut man sich die Entwicklung des Börsenkurses an, dann zeigt sich vom Börsenstart 2005 bis Ende 2017 eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung bis rund 50 Euro. 2017, also noch vor der DAX-Aufnahme, erfolgt dann innerhalb eines Jahres eine Verdoppelung auf rund 100 Euro und von Jänner 2018 bis September 2018 nochmals eine Verdoppelung auf knapp 200 Euro. Der gesamte DAX entwickelt sich im gleichen Zeitraum ähnlich, von knapp über 4.000 Punkten im Jahre 2010 auf rund 12.500 Punkte im September 2018. Der amerikanische Dow-Jones-Börsenindex ebenso, von rund 6.000 Punkten im Jahre 2010 auf über 25.000 Punkte im September 2018.
Zum Vergleich noch die ebenso börsennotierte Amazon mit etwas über 100 Dollar im Jahre 2010 und rund 2.000 Dollar (oder das zwanzig-fache) im September 2018. Oder Alibaba, das „chinesische Amazon“, mit 90 Dollar zum Start Mitte 2015 bis rund 210 Dollar im Sommer 2018. Ab September setzte dann auf allen Aktienmärkten eine Konsolidierung ein, nahezu alle Titel und Börsen-Indizes reduzierten sich bis Jahresende 2018 um rund 35 Prozent und das betraf dann auch Wirecard.

Neustart nach positiver Geschäftserwartung
Die Wirecard-Aktie hat sich also konform und kontinuierlich mit dem breiten Markt entwickelt und nicht überproportional wie etwa eine Amazon. Anfang 2019 startete dann eine ebenso wiederum auf allen Märkten gleich verlaufende Erholung mit steigenden Kursen. Der Dax legt von rund 10.400 auf 11.400 Punkte zu, der Dow von rund 21.800 auf 25.400 Punkte. Im gröberen Schnitt wiederum alles ähnliche Entwicklungen und hier reiht sich diesmal auch eine Amazon ein, mit rund 1.300 Dollar Anfang Jänner bis zu rund 1.700 Anfang Februar.
Auch Wirecard legt von rund 130 Euro Anfang Jänner auf knapp 170 Euro Ende Jänner zu. Das Unternehmen veröffentlicht kurz vor Jahresende 2018 eine positive Prognose für 2019 mit einer operativen Gewinnerwartung (EBITDA - vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) zwischen 740 und 800 Millionen Euro. Gegenüber den 413 Millionen Gewinn 2017 eine Steigerung zwischen rund 80 und 100 Prozent und damit eine stimmige Grundlage für das parallel wiederum steigende und zumeist generell auf Wachstum ausgerichtete Interesse der Anleger.

Der neue Angriff
Ende Jänner erscheinen dann in der internationalen Wirtschaftszeitung Financial Times (FT) zwei Berichte über mögliche Unstimmigkeiten in der Geschäftsgebarung der Wirecard-Tochter in Singapur. Der Autor dieser Berichte hatte zuvor schon mehrmals über angebliche Wirecard-Verfehlungen geschrieben. Seine Berichte wurden parallel von sogenannten Short-Seller-Attacken begleitet, das sind „Finanzinstrumente“ von Investoren, die über sogenannte Leerverkäufe (Anm. über geliehene Aktien) auf überproportional fallende Kurse setzen und dann entsprechend überproportional davon profitieren.
Das „Modell tendenziös negativer Bericht plus Kursattacke ergibt enorme Gewinne“ funktioniert auch diesmal wieder. Der Kurs der Wirecard Aktie verfällt vom 29. Jänner bis zum 8. Februar von knapp 170 Euro auf 97 Euro, er halbiert sich also nahezu. In etwas über einer Woche werden 8 Milliarden Euro an Börsenwert vernichtet. Eine große Zahl institutioneller Investoren und privater Anleger verlieren viel Geld – und viel Vertrauen in eine ohnehin unverdient stiefmütterlich behandelte Anlageform und in ein wichtiges Finanzierungsinstrument für Unternehmen.

Attacke als Investmentmodell
Die Begriffe „Modell“ und „wieder“ sind deshalb angebracht, da es bereits 2015 zu gleichen Spekulationen kam und auch damals war der gleiche Journalist der Financial Times beteiligt. Zuerst werden in einem Blog mehrere negative Berichte über Wirecard veröffentlicht und als negative Folgen beim Aktienkurs ausbleiben, folgt ein FT-Bericht mit der Übernahme (sic) von schweren Anschuldigungen (Anm. Geldwäsche, Bestechung, Glücksspiel) des bis dahin völlig unbekannten Analysehauses „Zatarra“ gegenüber Wirecard. Das wirkt dann, der Aktienkurs von Wirecard bricht ein. Das wirkt aber auch bei der Staatsanwaltschaft München, die gegen den Zatarra-Herausgeber, der parallel auch ein bekannter Short-Seller ist, ein Strafverfahren wegen Marktmanipulation einleitet.
In den aktuellen Berichten des FT-Redakteurs geht es nun um Scheinumsätze und Gewinnverschiebungen in Singapur. Laut Wirecard erhält das Unternehmen abermals keine ausreichende Möglichkeit sich zu den Vorwürfen zu äußern. In einer dann von Wirecard veröffentlichten Erklärung spricht das Unternehmen von selbst initiierten Untersuchungen einer internen Mitarbeiterfehde zu verschiedenen Umsatzgenerierungen, die bereits aus dem Frühjahr 2018 stammt und bei der es um rund 7 Millionen Euro geht. Mit der sofortigen Prüfung hatte Wirecard sowohl die eigene, gegenüber Vorstand und Aufsichtsrat unabhängig agierende Compliance-Abteilung beauftragt und zudem extern die international renommierte Anwaltskanzlei Rajan & Tann.

Das Aufblasen eines Skandals und tatsächliche Bestechungsversuche
„Dass wir selbst eine umfangreiche Untersuchung angestrengt haben und keiner der Vorwürfe bewiesen werden konnte, wurde in den FT-Berichten nicht erwähnt“, so Markus Braun, Wirecard CEO gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). „Es wurde der Eindruck erweckt, als gäbe es hier einen großen Bilanzskandal. In Wahrheit geht es um einen potentiellen Umsatzschaden von 6,9 Millionen Euro“, so der Wirecard-Boss weiter. 6,9 Millionen Euro im Vergleich zu 1,5 Milliarden an Umsatzerlösen (2017) macht rund ein halbes Prozent. Bei einer großen deutschen Bank stehen vergleichsweise Geldwäsche-Vorwürfe in Milliardenhöhe im Raum (und ebenso vermutete Spekulanteninteressen).
Zusätzliche Brisanz erhält der Fall nun auch auf Grund wahrscheinlicher Bestechungsversuche gegenüber britischen Journalisten, wo versucht wurde eine negative Berichterstattung über Wirecard zu erreichen – wiederum mit Ziel fallende Börsenkurse und entsprechende Spekulationsgewinne. Laut Münchner Staatsanwaltschaft wurde versucht „mit Millionensummen die Medienberichterstattung zu beeinflussen“, so ein Bericht der FAZ und gleichzeitig wurde Wirecard angeboten „diese negative Berichterstattung gegen Zahlung einer ähnlich hohen Summe zu verhindern“. Ab nun springen zahlreiche weitere Wirtschaftsmedien auf das Thema auf, u.a. Handelsblatt, Süddeutsche Zeitung, Wall Street Journal sowie diverse Finanznachrichtenportale. Der Flächenbrand ist fertig - oder geschafft, je nach Sichtweise.

Beispielgebende Reaktion der deutschen Banken- und Finanzaufsicht Bafin
Für die deutsche Banken- und Finanzaufsicht (Bafin) haben diese „ernstzunehmenden Informationen und Entwicklungen zum Entschluss geführt, neue Leerverkäufe bei Wirecard ab sofort zu verbieten“, so eine Sprecherin gegenüber der FAZ. Für die Bafin schien sicher, dass eine Attacke der auf sinkende Aktienkurse wettenden Leerverkäufer geplant war, so die FAZ-Recherchen weiter. Die Hauptbegründung für das Bafin-Verbot liegt in der Gefahr für das Marktvertrauen. „Es liegen Nachrichten vor, deren Wahrheitsgehalt nicht geklärt und im Aktienwert eingepreist sind, als seien sie wahr.“
Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg hat nun beispielsweise einen Londoner Hedgefonds-Manager ausgemacht, der auf fallende Wirecard-Kurse gesetzt hat und schätzt, er habe durch den Kurssturz mehr als 15 Millionen Euro verdient. Zählt man allein die medial bekannten Leerverkaufs-Spekulanten zusammen, dann kommen schnell drei-stellige Millionenbeträge zusammen. Die Bafin untersucht nun „mögliche Marktmanipulationen“ und die Staatsanwaltschaft München ermittelt wegen dieser Marktmanipulationen, vorerst gegen unbekannt.

Weiteres Anlegervertrauen versus abermaliger Financial Times-Bericht
Wirecard selbst hat Strafanzeige erstattet und CEO Markus Braun hat letzte Woche die baldige Veröffentlichung der extern beauftragten Prüfberichte angekündigt und zudem „eine Rückkehr der Konzentration auf Geschäft und weiteres Wachstum von Wirecard“. Anfang April folgt die offizielle Präsentation der Bilanz für 2018. Die Anleger vertrauen ihm und dem Unternehmen nach wie vor, der Börsenkurs legte innerhalb von zwei Tagen um fast zwanzig Prozent zu.
Auch Analysten halten auf Grund des fortgesetzten Wachstums eine baldige Rückkehr zumindest zu den höheren Anfangskursen des heurigen Jahres für realistisch, mittelfristig erwarten sie eine Übertreffung der Höchststände vom letzten September. Das dürfte aber wiederum den Spekulanten nicht gefallen, die damit viel Geld verlieren würden. Und dem Financial Times Redakteur, der zwei Tage nach der Botschaft von Markus Braun mit einem weiteren negativen Bericht reagiert – nach vier berichtslosen Wochen zuvor.
Diesmal geht es um einen „verschwundenen Mitarbeiter“, der in den Singapur-Fall verwickelt ist. Laut Wirecard wurde dieser Mitarbeiter bis zur Klärung der Sachlage beurlaubt, was „ein normal üblicher Vorgang in derartigen Fällen sei“, so Markus Braun. Der FT-Journalist wiederum weist alle Vorwürfe zurück und betitelt einen diesbezüglichen Blogeintrag mit: „Mensch! I (hier steht Name des Redakteurs) am innocent! Ok?“ „Innocent“ bedeutet unschuldig. Ok?

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 14.03.2019