Unabhängiges Magazin für Wirtschaft und Bildung

26. Mai 2020

Search form

Search form

Go on Wirecard

Go on Wirecard © Pexels.com/Johannes Plenio

Der Zahlungsdienstleister kämpft mit Manipulationsvorwürfen in Medienberichten und Börsenspekulanten. Der zuletzt eingeleitete Umbau im Aufsichtsrat setzt sich nun mit der Aufstockung des Vorstands fort. Ruhe und Konzentration auf weiteres Wachstum sind die Zielsetzung.

(Christian Czaak) Wirecard wird 1999 in Deutschland als digitaler Zahlungsdienstleister und Risikoprüfer für Internetgeschäfte gegründet. Nach der Übernahme des börsennotierten Informationsdienstleisters InfoGenie passiert 2006 die Notierung im deutschen TecDax und 2018 der Eintritt in den Dax. Zu diesem Zeitpunkt ist das Unternehmen über eigene Standorte oder Partnerschaften auf zahlreichen einzelnen Ländermärkten in Europa, Naher Osten, Asien, Afrika, Australien, Indien, China sowie Nord- und Südamerika etabliert.

Von 5 Millionen auf 347 Millionen Nettoertrag
Ende 2019 serviciert und kooperiert Wirecard mittlerweile Dienstleistungen rund um E-Commerce, mobiles Bezahlen (M-Commerce), digitale Finanztechnologien und Risikobewertung für in Summe knapp 300.000 Unternehmen und zig Milliarden von Konsumenten. Der Konzern beschäftigt aktuell über 5.500 Mitarbeiter an 26 Standorten.

Die Geschäftstätigkeit (EBITDA) entwickelt sich von 2005 mit 10 Millionen Euro über 2014 mit 173 Mio. bis zum letztverfügbaren 2018 mit 560 Mio. Euro. Der betriebliche Nettoertrag lautet 5 Millionen Euro für 2005, 108 Mio. für 2014 und 347 Millionen Euro für das Jahr 2018. Der zuletzt verfügbare Umsatz aus dem Juni 2019 beträgt 1,3 Mrd. Euro für das erste Halbjahr 2019 (i.Vgl. 885 Mio. 2018) das EBITDA betrug für diesen Zeitraum 342 Mio. (plus rund 40 Prozent ggü. 252 Mio. 2018).

125 Milliarden Euro Transaktionsvolumen
Aktuell hält der in Aschheim nahe München ansässige Innovationsspezialist für digitale Finanztechnologien neben den eigenen Niederlassungen unzählige Partnerschaften mit Unternehmen, die als sogenannte Drittanbieter Wirecard-Produkte nutzen oder anbieten.

Das letztverfügbare Jahresergebnis aus 2018 weist einen Umsatz von 2,02 Milliarden Euro aus (ggü. 1,5 Mrd. 2017). Das Transaktionsvolumen erhöhte sich 2018 um über 37 Prozent auf 125 Milliarden Euro gegenüber den 91 Mrd. im Jahre 2017. Die Bilanz für 2019 kommt Anfang Juni, für das erste Quartal 2020 wurden soeben ein Umsatz von 719 Mio. Euro ausgewiesen, fast 30 Prozent mehr als in Q1-2019.

Im Fokus angelsächsischer Investmenthäuser
Spätestens mit dem Dax-Eintritt 2018 und den in den Jahren zuvor erfolgten Marktetablierungen in Europa, Naher Osten, Asien, Afrika, Australien, Indien, China sowie Nord- und Südamerika, rückt Wirecard dann so richtig in den Fokus großer, primär angelsächsischer Investorenhäuser.

Per 30. Juni 2019 halten neben dem Vorstandsvorsitzenden Markus Braun (7 Prozent) die US-Vermögensverwalter BlackRock (knapp 6), Artisan Partners (knapp über 5), Jupiter Asset Mgmt. (5), Citigroup (knapp 5) und Goldmann Sachs (rd. 3,5 Prozent) Anteile am zu diesem Datum bilanzierten Unternehmens- bzw. Vermögenswert in Höhe von rund 6,7 Milliarden Euro (alle Zahlen aus letztverfügbarer Bilanz per 30. Juni 2019).

Shortseller starten Spekulationen auf fallende Kurse
Das Unternehmen rückt aber parallel auch verstärkt in den Fokus von Spekulanten, darunter sogenannte Shortseller oder „Leerverkäufer“, die mehrheitlich (und grundsätzlich legal) mit zumeist ausgeliehenen (sic!) Aktien auf fallende Kurse wetten. Vom Börsenstart 2006 weg entwickelte sich der Unternehmens- bzw. Börsenwert parallel mit der Geschäftsentwicklung kontinuierlich nach oben.

Auch die großen Indizes (Anm. Dax, Dow oder Nasdaq) oder vergleichbare Unternehmen wie Alibaba und Tencent tun das. Wirecard erreicht dann im September 2018 seinen Kurshöchststand mit knapp 200 Euro. Zu Jahresende und wiederum parallel mit den großen Börsen-Indizes sinkt der Kurswert - um Ende Jänner 2019 wieder in Richtung Höchststand zu steigen.

Kurssturz nach Medienberichten
Das Unternehmen hatte kurz zuvor seine Prognose für das laufende Geschäftsjahr (2019) veröffentlicht, wo Steigerungen zwischen 80 und 100 Prozent bei Umsatz und Ertrag (EBITDA) erwartet wurden – und damit auf Wachstum ausgerichteten Investoren eine entsprechend stimmige Grundlage geboten.

Für Shortseller waren das allerdings keine guten Nachrichten und so passte es gut, inhaltlich wie zeitlich, dass die Financial Times (FT) Ende Jänner über Unstimmigkeiten in der Geschäftsgebarung der Singapur-Tochter von Wirecard berichtete. Der Kurs von Wirecard fällt von rund 170 auf 97 Euro, innerhalb weniger Tage werden in Summe rund 8 Milliarden Euro an Börsenwert vernichtet.

Hedgefonds verdienen hunderte Millionen durch Kursverfall
Der gleiche Journalist hatte bereits 2015 in seinem Blog und danach auch in der FT über ähnliche Anschuldigungen eines mit Leerverkäufen operierenden Investmenthauses gegen Wirecard berichtet und auch damals wurden die sodann sinkenden Börsenkurse von Shortseller-Spekulanten begleitet.

Nach der neuerlichen Attacke recherchieren und berichten Bloomberg und deutsche Wirtschaftsmedien sodann „über Hedgefonds, die mit dem aktuellen Kursverfall von Wirecard hunderte Millionen Euro verdient hätten“. Parallel wird über die FAZ publik, dass „mit Millionenzahlungen versucht wurde britische Medienberichte zu beeinflussen“ und auch Wirecard selbst wird Angaben zufolge angeboten „eine negative Berichterstattung gegen hohe Geldzahlungen zu verhindern“.

Verfahren wegen Marktmanipulation und ein Leerverkaufsverbot
Die Staatsanwaltschaft München leitet daraufhin ein Verfahren wegen Marktmanipulation gegen Unbekannt ein. Die deutsche Banken- und Finanzaufsicht (BAFIN) verhängt ein Leerverkaufsverbot und untersucht ebenso Marktmanipulationen. „Für die BAFIN schien sicher, dass eine auf sinkende Aktienkurse setzende Leerverkaufs-Attacke geplant war“, schreibt das renommierte Wirtschaftsressort der Deutschen FAZ.

Wirecard selbst hatte bereits im Frühjahr 2018 seine eigene Compliance-Abteilung und gesondert auch eine internationale Anwaltskanzlei mit der Prüfung der Singapur-Tochter beauftragt und hier bei sogenannten Drittpartnergeschäften ein fragliches Umsatzvolumen von rund sieben Millionen Euro ausgemacht. 7 Millionen oder 0,5 Prozent im Vergleich zu den damaligen Umsatzerlösen (Anm. 2017) in Höhe von 1,5 Milliarden - oder 7 Millionen in Relation zum damaligen Transaktionsvolumen von 91 Milliarden Euro.

Wachstum versus weitere tendenziöse Medienberichte
In öffentlichen Stellungnahmen beklagt Vorstandsboss Markus Braun, dass „die eigene Untersuchung in den FT-Berichten nicht erwähnt wird“ und „der Eindruck erweckt werde, es gehe um einen großen Bilanzskandal.“ Wirecard liefert sich in Folge auch eine juristische Auseinandersetzung mit der FT, die FT leitet eine interne Untersuchung mittels externer Juristen ein und der (englische) FT-Redakteur postet auf seinem Blog er sei unschuldig.

Das Jahr 2019 vergeht bis zum Herbst mit positiven Geschäftsentwicklungen und steigenden Börsenwerten in Richtung seinerzeitiger Höchststände (rund 160 Euro). Parallel zur Präsentation des Finanzberichts für das 3. Quartal mit einem neuerlichen starken Wachstum bei Umsatz (1,9 Mrd. ggü. 1,4 Mrd. 2018) und EBITDA (553 Mio. ggü. 399 Mio. 2018) bekräftigt Wirecard seine positive Prognose für das gesamte Jahr 2019 und gibt zudem ein neues umfangreiches Marktengagement in China bekannt.

Neue Vorwürfe von Whistleblower
Kurz nach diesen Prognosen und neun Monate nach dem Jänner-Artikel erscheint am 14. Oktober in der FT ein weiterer Bericht über „unsaubere Praktiken mit Drittpartnergeschäften“, dass davon „leitende Finanzmanager bei Wirecard wussten“ und auch „die Geschäfte in Dubai und Irland davon betroffen seien.“ Als Quelle nennt die FT einen „Whistleblower“. „Die Dokumente ergeben ein klares Bild zu fraglichen Abrechnungs- und Geschäftspraktiken“ und „dazu würden sie Ernst & Young als verantwortlichen Auditor für die Konzernbuchhaltung in die Irre führen.“

Der Autor ist wiederum der gleiche Redakteur wie bei den früheren FT-Berichten. Die hier angeführten Zitate sind dem Sinn nach übersetzt und stammen alle aus dem FT-Bericht. Dortigen Angaben zufolge sollen die neuen Vorwürfe auch interne Wirecard-Dokumente belegen. Im gleichen Text äußert die FT auch, ihre eigene Untersuchung zu möglichen Absprachen mit Shortsellern hätten „kein Ergebnis gebracht.“

Neuerliche Sonderprüfung und gesteigerte Ergebnisprognose 2020
Als direkte Reaktion der Börse stürzt der Börsenwert um über 30 Prozent ab. Markt und Investoren sind abermals verunsichert, mögliche Shortseller freuen sich. Wirecard selbst verlautbart zwei Tage später, am 16 Oktober, eine weitere unabhängige Sonderprüfung durch KPMG, wo alle Vorwürfe im FT-Bericht genau durchleuchtet werden sollen und das unabhängig mit Zurverfügungstellung aller Unterlagen und verantwortlich allein dem Aufsichtsrat gegenüber.

Zuerst soll der KPMG-Bericht bereits Anfang 2020 vorliegen, dann auf Grund des umfangreichen Unterfangens doch erst zum Ende des ersten Quartals 2020. In der gleichen Aussendung an Investoren und Presse wird auch ein Aktienrückkaufsprogramm mit einem Volumen von 200 Millionen Euro publiziert, nochmals die gute Prognose für das Laufende Jahr 2019 bekräftigt – und bereits auch für 2020 eine Steigerung beim EBITDA zwischen rund 30 und 40 Prozent prognostiziert.

Neuer Aufsichtsrat und neue Spekulanten
Markt und Investoren bleiben jedoch verunsichert, der Börsenkurs sinkt nochmals und bleibt bis Mitte Jänner auf diesem Niveau. Dann verlautbart Wirecard den Wechsel von Thomas Eichelmann (54), ehemaliger Finanzvorstand der Deutschen Börse AG und erprobt im Umgang mit Hedgefond-Managern, an die Spitze des Aufsichtsrates, dem er seit Juli 2019 angehört.

Medienberichten zufolge soll es zuvor im Aufsichtsrat größere Unruhe rund um die laufenden FT-Vorwürfe und die zunehmende Unzufriedenheit größerer Investoren mit dem öffentlichen Bild von Wirecard gegeben haben. Parallel berichtet das Deutsche Handelsblatt, dass „seit Herbst 2019 mehrere Hedgefonds mit größeren Leerverkaufspositionen auf einen weiteren Kursverfall von Wirecard gesetzt haben.“

Gegensteuern in Corona-Krise
Dann kommt die Corona-Pandemie und mit dem wirtschaftlichen Lock-Down folgt Mitte März ein globaler Einbruch der Börsen. Auch Wirecard ist davon betroffen, der Börsenwert sinkt stark und durch die corona-bedingten Reisebeschränkungen wird auch der Termin für den KPMG-Bericht nochmals auf Ende April verschoben.

Parallel erweist sich Wirecard aber auch neuerlich als Innovator auf der strategischen Produktseite und initiiert gemeinsam mit Konzernen wie Deutsche Telekom oder SAP die Hilfsplattform „Innovationfornow“ für von der Corona-Krise betroffene Unternehmen. Besonders Händler und Dienstleister können dabei von Wirecard kostenlose Lösungen in Anspruch nehmen und auch die anderen Leitbetriebe bieten spezielle Dienstleistungen und Produkte.

Internationale Markterweiterungen und neues Investorenvertrauen
Trotz Corona-Krise schreiten auch die Markterweiterungen voran. Wirecard gewinnt etwa mit „UNAS“ den größten ungarischen E-Commerce Dienstleister mit seinen über 5.000 Händlern als Kunden, Markus Braun twittert von weiteren internationalen Geschäftserfolgen und vom Festhalten an den positiven Prognosen für 2020.

Der avisierte Termin für den finalen KPMG-Abschlussbericht rund um die FT-Vorwürfe rückt näher und dazu die Bilanzpräsentation 2019, wo Avisos und vergangenen Quartalsberichten zufolge, ein entsprechend gutes Ergebnis kommen soll. Die Investoren beginnen wieder Vertrauen zu fassen und der Börsenwert steigt um knapp über 30 Prozent. Am Montag, den 27. April soll schließlich die Präsentation des Abschlussberichts von KPMG erfolgen.

Pannen rund um KPMG-Bericht
Der Montag beginnt, dauert an und es passiert – nichts. Kein KPMG-Bericht, keine Meldung von Wirecard warum Bericht nicht kommt. Am Dienstag früh erscheint der KPMG-Bericht dann mit zwei zentralen Botschaften. Es sind keine Manipulationen bei Abrechnungen oder Bilanzen festzustellen, das interne Berichtswesen beim Drittpartnergeschäft sei jedoch verbesserungswürdig.

KPMG äußert zudem Kritik an ungenügender und verzögerter Unterstützung. Wirecard sagt, die verspätete Berichtsveröffentlichung sei bei KPMG gelegen und das verzögerte Berichtswesen sei primär den Corona-Beschränkungen geschuldet. Investoren und Börse sind neuerlich verunsichert, der Börsenwert sinkt abermals.

Rücktrittsforderungen versus neues Investorenvertrauen
Die verzögerte Berichtslieferung mit der aus Investorensicht mangelnden Kommunikation und die Kritik von KPMG am eigenen Auftraggeber ruft bei großen Aktienfonds Rücktrittsforderungen an Vorstandschef Markus Braun hervor. Ein bekannter und bei Wirecard „investierter“ Shortseller schließt sich öffentlichkeitswirksam an. Die deutsche BAFIN startet Untersuchungen zum Thema Berichtspflichten. Kurz darauf werden im gleichen Kontext (kursrelevante Informationspflichten) erste Drohungen von Sammelklagen publik. Börsenwert und Kurs fallen.

Parallel erhöhen jedoch große US-Geldhäuser und Wirecard-Ankeraktionäre wie Citigroup und Goldmann Sachs ihre Bestände. Die Amerikaner scheinen dem wachstumsorientierten Geschäftsmodell des globalen Finanzdienstleisters weiterhin zu vertrauen und nützen günstige Einstiegsskurse. Und zudem ahnen sie möglicherweise von neuen personellen Verstärkungen beim Dax-Konzern.

Wirecard reagiert mit neuen Vorständen und neuer Struktur
Wirecard reagiert und verlautbart die Aufstockung des Vorstands um in Summe drei (!) Positionen (Compliance, Operations/COO und Vertrieb bzw. Commercials/CCO). Und kurz darauf wird das Engagement von James Freis als neuen Compliance-Vorstand bekannt gegeben sowie von Jörg Brand als neuen Vorstand für das Risikomanagement bei der Wirecard Bank. Die rasche Besetzung der neuen Positionen mit den ausgewiesenen Experten belegt, dass Wirecard schon länger an der größen- und Dax-adäquaten Aufstockung des Vorstands gearbeitet hat, eine von Investoren oftmals geäußerte Forderung.

Freis (49) war, wie seinerzeit Aufsichtsratschef Eichelmann, zuletzt im Vorstand der Deutschen Börse AG und davor lange Jahre leitender Director (CEO) des US Departments of Treasury‘s Financial Crimes Enforcement Network (FinCEN) für die Regulierung von Finanzinstitutionen. Parallel mit den Engagements passieren umfangreiche operative Umstrukturierungen im Vorstand, um „insbesondere die internen Kontrollsysteme zu überprüfen und zugunsten einer lernenden und sich kontinuierlich verbessernden Organisation auszulegen“, so Wirecard in einer Aussendung.

Eine Entschuldigung und ein Versprechen
„Das Geschäftsmodell der Wirecard AG ist nachhaltig und ertragsstark. Mit den getroffenen Beschlüssen stellen wir die Weichen für eine weiterhin erfolgreiche Zukunft des Unternehmens“, unterstreicht Eichelmann bei der Präsentation der neuen Vorstände. In der gleichen Botschaft an Investoren und Presse äußert sich auch der Vorstandsvorsitzende und CEO.

„Ich entschuldige mich für die Turbulenzen der vergangenen Monate und verspreche Wirecard als unverändert nachhaltig profitables Unternehmen mit ruhiger und entschlossener Hand weiterhin von operativem Erfolg zu operativem Erfolg zu führen“, so Markus Braun. Er wird sich nun primär auf die strategische Weiterentwicklung und das Innovationsmanagement konzentrieren. Nach der Verlautbarung steigt der Börsenwert um über zehn Prozent und ein umfangreiches Digitalprojekt mit dem Freistaat Bayern wird bekannt gegeben. Go on Wirecard.

Links

red/czaak, Economy Ausgabe Webartikel, 19.05.2020